Reise-Reportage von Jürgen Römer
Werden Deutsche nach ihren Traumreisezielen befragt, so landen die norwegischen Inseln nördlich des Polarkreises stets ganz vorne in den Charts. Bei den Italienern ist es dasselbe. Aus historischen Gründen.




Nehmen wir die Alpen, da wo sie am schroffsten sind. Versenken wir sie im Meer, so dass bloß noch rund 1000 Meter von ihnen rausschauen. Und fertig sind die Lofoten. Nein, nicht ganz. Das Klima ist wichtig. Die Inselgruppe vor der norwegischen Westküste wird vom warmen Wasser des Golfstroms ferngeheizt. Effekt: Obwohl gut 1.600 Kilometer weiter nördlich, ist es auf den Lofoten übers Jahr hinweg nur drei Grad kälter als in Bremen. Ach ja, und noch was: Auf den Lofoten regnet es weniger. Auch gut zu wissen: Die Inselgruppe liegt 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Von Mai bis Juli sinkt die Sonne nicht mehr unter den Horizont. Tagsüber herrscht dann ein wunderbar klares Licht. Gegen Abend versinkt alles in rötlichen, orangenen Farbtönen. Selbst wenn später im Jahr die Sonne tiefer sinkt, verharren die Gipfel in Dauer-Alpenglühen. Bis schließlich von November bis Januar Polarnacht herrscht. Richtig dunkel ist es selten, Mond und Sterne sorgen für graublaues Glimmen, das Polarlicht oft für fantastische Lichteindrücke. Wehende Schleier in Rot, Blau, Grün oder Violett, die ständig ihre Form verändern – ein unglaubliches Bild!
Charakteristisch für die Lofoten sind die steilen Berge. Felsnadeln aus schwarzem Stein, die fast senkrecht aus dem Wasser bis in die Wolken steigen. Kleine grüne Baum- oder Buschgruppen klammern sich an die Hänge. Fjorde schneiden hindurch – wie mit einer Riesen-Axt in die Gipfel gehauen. Zum Beispiel der Trolljford. Seine Einfahrt ist gerade mal 100 Meter breit. Nördlich steht der 998 Meter hohe Blåfjell, im Süden ragen die Felswände des Trolltiden in die Höhe. 1.084 Meter hoch und schneebedeckt. Von den steilen, fast senkrechten Felswänden wehen fadendünne Wasserfälle herunter in den grün schimmernden Fjord. Nasse Felskanten erinnern an drohend zusammengezogene Augenbrauen ... War da nicht was mit den Trollen?
So drollig wie die kleinen Holzmännchen mit Flechtenbart in den Souvenirshops sind sie nicht. Wenn der Sturm um die Berge heult, der Regen prasselt, wenn Blitze mit scharfem Donnerknall einschlagen – dann kommen die Trolle. „Dunkel und drohend wie Berge stampfen sie einher, mit Augen groß wie Radkappen und Nasen so lang wie Axtstiele“, verrät Sven, der Bootsführer des Ausflugsbootes. Der Skogtroll etwa, ein blutrünstiger Waldschrat. In Seen oder Teichen lauert der Nøkk, ein Wassertroll, der ahnungslose Wanderer unter Wasser ziehen will. Oder der Fossegrimmen, der unter Wasserfällen wohnt (und durch wohlwollende Zuwendungen von blutigem Fleisch milde gestimmt werden kann). Zum Glück zerplatzt die ganze wilde Schar bei Sonnenlicht wie Seifenblasen. Auch wenn man sie nur relativ selten zu sehen bekommt, schon der Gedanke an sie gibt der Landschaft einen eigentümlichen, düster drohenden Reiz.
Es geht auch anders. Wer beim Stichwort Urlaub an weißsandige Karibikstrände denkt, wird sich für den Haukland-Strand auf Vestvågøa begeistern. Ein zwei Kilometer langer, 300 Meter breiter strahlend weißer Sandstrand. An beiden Enden wird er begrenzt von hohen, zartgrün bemoosten Felswänden. In seinem weiten Bogen brechen sich türkisgrüne Wellen, deren Farbe weiter ins Wasser hinaus in tiefes Blauschwarz übergeht. Traumhaft schön. Bei ruhigem, klaren Wetter jedenfalls. Aber das wechselt rasch auf den Lofoten. Wenn der Nordweststurm über die Inseln jagt, wird es ungemütlich an der Westküste. Riesige, grün-weiß marmorierte Brecher rollen auf die steilen Küstenfelsen zu, donnern mit unglaublicher Wucht gegen die nassen schwarzen Felswände. Schaum und Gischt spritzen himmelwärts. Dann wird Wandern, Angeln oder Kajakfahren reichlich ungemütlich, dann stehen für Besucher andere Programmpunkte auf dem Plan.
Man kann in eines der vielen kleinen, liebevoll gemachten Museen auf den Inseln gehen. Man kann Knut Hamsun lesen, eine der vielen Galerien ansehen. Oder man besucht eine Kneipe oder ein Restaurant. Deren Zahl und Qualität hat, bedingt durch steigende Besucherzahlen, ebenfalls stark zugenommen. Glück hat, wer in einer der vielen Rorbuer, den Rudererhütten, ein Plätzchen gefunden hat, um gemütlich die Beine hochzulegen, wenn draußen der Sturm heult. Früher dienten diese Hütten, dicht am Hafen oder sogar auf Pfählen im Wasser stehend, als spartanische Unterkunft für Fischer. Aus ganz Norwegen kamen die jedes Jahr im Januar und Februar mit ihren (Ruder-) Booten zur Dorschfang-Saison. Sie übernachteten dann in den engen Behausungen, die vollgestopft waren mit Netzen und anderen Fischfangutensilien und durchzogen von Fisch- und Trangeruch. Bis vor 40 Jahren wurden nahe der Lofoten riesige Mengen Dorsch (oder Kabeljau) gefangen, dessen Schwärme jedes Jahr von der Barentssee zu den Laichplätzen vor den Inseln wandern. Im Rekordjahr 1947 zogen mehr als 20.000 Fischer gut 146.000 Tonnen Dorsch in ihre Boote. Aber es geht bergab. Technisch hochgerüstete Trawler und Fabrikschiffe aus aller Herren Länder sorgen wirkungsvoll dafür, dass immer weniger Dorsche den Weg von der Barentssee zu den Lofoten überstehen. Die norwegischen Küstenfischerei ist drastisch eingebrochen. Im Jahr 2006 arbeiteten gerade noch 3.000 Fischer vor den Lofoten. Ihr Fang: 33.000 Tonnen Fisch. Fazit: Die Lofotenfischerei hat ökonomisch keine Bedeutung mehr für Norwegen. Geblieben sind die Fischerhütten. Sie wurden gelüftet, modernisiert, mit Bädern und Küchen komfortabel ausgestattet und dienen heute Besuchern als stilvolle Unterkunft. Warm und gemütlich, immer dicht am Hafen und mit tollen Ausblicken über Kaianlagen und (einige wenige) Fischerboote.
Der Fisch hat lange Zeit das Leben der Inseln bestimmt. Schon die Wikinger siedelten hier, ließen im Januar Raub- und Handelszüge sein, um sich aus dem Fischreichtum der Lofotengewässer zu bedienen. Selbst erklärten Museumsmuffeln sei der Besuch des Wikingermuseums in Borg empfohlen. Hier wurde auf historischem Boden das größte Wikinger-Langhaus Skandinaviens rekonstruiert. Der Gang durch die enge Tür versetzt die Besucher in eine andere Welt. Es riecht nach Rauch, Teer und Holz. Über blakenden Feuern hängen Eisenkessel mit Lammsuppe; Frauen in Wikinger-Kleidung bewirten die Fremden an langen Tischen mit Suppe und Met. Handwerker zeigen, wie die Nordmänner einst Waffen und Haushaltsgeräte herstellten, am nahegelegenen Anlegeplatz wartet ein Drachenboot auf Ruderwillige. Wer sich besonders für diese Epoche interessiert, ist in den Sommermonaten eingeladen, selbst eine Zeit lang als Teilzeit-Wikinger zu arbeiten. Als Fremdenführer, Suppenkoch, Handwerker oder sonst irgendwo im Museumsgetriebe.Nach den Wikingern kam noch ein anderer Seefahrer, der das Leben auf den Lofoten stark beeinflusste: der Italiener Pietro Querini, der im Jahre des Herrn 1431 mit einem Schiff und 68 Männern aufgebrochen war, um die nordischen Länder zu erforschen. Er geriet in einen Sturm, das Schiff sank. Halb verhungert wurden er und 19 seiner Gefährten von Fischern auf einem Eiland gefunden und wieder aufgepäppelt – mit der Lofoten-Kraftnahrung Stockfisch. Zurück in Italien erbat sich Querini eine Audienz beim Papst und präsentierte die neuartige (Fasten-)Speise. Der Heilige Vater war hin und weg, die Italiener ebenso. Das führte dazu, dass bis in unsere Tage 85 Prozent des Lofoten-Stockfischs nach Italien verkauft werden. Und noch einen kleinen Nebeneffekt hatte die Querini-Odyssee: Bis heute stellen Italiener einen überraschend großen Teil der Lofoten-Touristen.
Aber die kommen nicht wegen der Stockfisch-Rezepte. Die haben sie ja selber. Sie kommen, wie alle anderen Besucher auch, wegen der Künstler, wegen der Wikinger, wegen der tollen Wandertouren, wegen der Angelmöglichkeiten, wegen der Seevogel- oder Wal-Safaris, wegen des Nordlichts ...Oder weil die Lofoten eben aussehen wie schroffe, wilde Alpengipfel mitten in der See. Mit Trollen drauf.
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Direkt am Hafen von Svolvær auf der Insel Svinøya, nur wenige Gehminuten vom Ortszentrum entfernt, stehen die Svinøya Rorbuer. Das Haupthaus ist ein altes Handelshaus, in dem Rezeption, Bar und ein gutes Restaurant betrieben werden. Die ehemaligen Fischerhütten sind rustikal, aber modern eingerichtet. Sie verfügen über einen separaten Wohn-/Schlafraum, Dusche/WC, Kochnische mit Herd, Backofen, Kühlschrank, Gefrierfach, Kaffeemaschine und Kabel-TV. Es gibt Rorbuer für zwei bis vier Personen. Preis: ab 41 Euro pro Person und Nacht.
Beste Reisezeit: Mai und Juni sind die regenärmsten Monate, Juli und August wie bei uns die wärmsten Monate. Von Ende Mai bis Mitte Juli scheint die Sonne fast rund um die Uhr – das kann man an der West- und Nordsseite der Lofoten erleben.
Klima: Trotz seiner nördlichen Lage durch den Golfstrom ist es relativ mild. Im Winter Temperaturen kaum unter null Grad, im Sommer durchschnittlich um 12 °C. Höchstwerte sind bis zu 30 °C möglich.
Zeitzone: MEZ.
Sprache: Norwegisch und Samisch, Englisch und Deutsch sind weit verbreitete Fremdsprachen.
Geld: Norwegische Krone (NOK),1 Euro = 8,063 NOK. Akzeptiert werden EC- und Kreditkarten.
Gesundheit: Behandlungskosten werden durch die Europäische Krankenversicherungskarte abgedeckt. Beim Zahnarzt muss eventuell noch bar bezahlt werden. Eine Impfung gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die durch Zeckenbisse übertragen wird, kann ratsam sein.
Essen & Trinken: Fisch nimmt auf der norwegischen Speisekarte den Hauptteil ein. Früher mussten die Lebensmittel für den langen Winter haltbar gemacht werden, wurden gesalzen und getrocknet. Das war auch der Ursprung für Stock- oder Klippfisch (gesalzen, ausgenommen und ohne Kopf), Sild (eingelegter Hering), Lutefisk (Gericht mit gewässtertem Stockfisch), Rakfisk (fermentierte Forelle ähnlich dem schwedischen Surströmming, das so schrecklich riecht, dass es den stärksten Wikinger umgehauen hat). Weitere Fischgerichte sind Fiskeboller (Fischklößchen) oder Fischauflauf. Zu den Hauptgerichten werden gern Kartoffeln gereicht. Moltebeeren sind wegen des hohen Vitamin C-Gehalts sehr geschätzt.
Restaurants: Das Restaurant „Kjøkkenet“ in Svolvær bietet lokale Gerichte in schönem Ambiente. Bekannt und geschätzt ist in Svolvær auch das „Börsen Spiseri“, das sich in einer restaurierten Fischannahmestelle etabliert hat.
Unbedingt machen: Die Liste der möglichen Aktivitäten ist lang: Wandern, Radfahren, Angeln, Bergsteigen, Kajakfahren, Tauchen und Surfen. Whale-watching ist ebenfalls eine bei Touristen beliebte Veranstaltung. Wer sich mehr für norwegische Geschichte interessiert, fährt nach Nusfjord oder Henningsvær, zwei ursprünglichen Fischerdörfern. Dazu gibt es in Böstad ein interessantes Wikinger-Museum. Ein unvergessliches Erlebnis: eine Fahrt mit dem Schiff durch den Trollfjord, ganz nah an den steilen Felswänden vorbei. Unser Tipp: Nach dem Zwiebelprinzip anziehen, weil das Wetter schnell umschlagen kann.
Unbedingt vermeiden: Stockfisch einpacken, denn der fängt bei Zimmertemperatur an zu riechen.
Beliebte Mitbringsel: Pullover, Rentierfelle und -salami, Elchsalami, Moltebeer-Marmelade, brauner Ziegenkäse, samische Messer.
Literatur: „Lofoten“ von M. Möbius und A. Ster, Edition Elch, ca. 20 €.
Auskünfte: Visit Norway, ABC-Straße 19, 20354 Hamburg, Tel. 0180 500 15 48 (0,14 Euro/Min.), http://www.visitnorway.de.
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