Reise-Reportage von Brigitte Eilert-Overbeck
Wegen einer Militärparade in die schottische Hauptstadt reisen? Wer das alljährlich stattfindende Royal Edinburgh Military Tattoo einmal erlebt hat, kennt darauf nur eine Antwort: Aber ja, unbedingt!




Eine halbe Million Einwohner, dazu noch einmal mindestens ebenso viele Besucher: Wer Ruhe, Abgeschiedenheit und absolute Einsamkeit sucht, sollte im August lieber nicht nach Edinburgh kommen. Alle anderen dagegen sind in diesen Wochen in Schottlands Hauptstadt genau richtig: Sie präsentiert sich in allerbester Festlaune.
Jedes Jahr im August findet das Edinburgh International Festival statt mit hochkarätigen Opern-, Theater- und Ballettaufführungen. Zur gleichen Zeit bietet das „Fringe“ avantgardistisches Schauspiel-, Tanz- und Comedy in großen Hallen, kleinen Zimmern und zum Teil auch auf den Straßen. Überall ist was los: Jazz- und Bluesliebhaber haben ihr Festival ebenso wie Leseratten (International Book Festival mit Autoren aus 45 Ländern), Kunstinteressierte (Art Festival) und Multikulti-Anhänger (Mela, eine Art Karneval der Kulturen). Die meisten Besucher allerdings zieht das Military Tattoo an. Pünktlich zum 60-jährigen Jubiläum ist es in diesem Jahr von der Queen geadelt worden, heißt jetzt Royal Edinburgh Military Tattoo. Jeden Abend (außer sonntags) findet auf der Esplanade, dem Vorplatz von Edinburgh Castle, eine Vorstellung statt. Samstags auch eine zusätzliche Spätvorstellung mit anschließendem Feuerwerk. Sämtliche Vorstellungen sind lange im Voraus ausverkauft; zum Glück haben sich Reiseveranstalter aber Kontingente gesichert.
Die Bezeichnung „Tattoo“ hat übrigens nichts mit dem gleich lautenden Begriff für Tätowierung zu tun. Sie leitet sich ab vom holländischen „Doe den tap toe“. Was soviel heißt wie „Mach den Zapfhahn zu.“ Der Ruf, verbunden mit einem Trommelsignal, signalisierte im 17. und 18. Jahrhundert Schankwirten und Soldaten: Bierhahn dicht, Schluss mit lustig! Raus aus der Schänke, rein in die Kasematten. Ausruhen für kommende Kämpfe. Aus dem Zapfenstreich ist längst ein eigenständiges, oft eindrucksvolles Ritual geworden. Auch für Leute, die mit Marschmusik und Militär sonst nichts am Hut haben?
„Don’t miss the Tattoo,“ hat uns Eric, schottischer Austauschstudent in Hamburg, beschworen: „It’s quite an expierience.“ Dass Eric charmant untertrieben hat, merken wir bei der Spätvorstellung. Jede Menge Fackeln tauchen Edinburgh Castle samt Esplanade in magisches Licht. Die aufgestellten Tribünen – Fassungsvermögen etwa 9.000 Zuschauer – sind bis auf den letzten Platz besetzt. Aller Augen blicken erwartungsvoll auf das trutzige Torhaus jenseits des Burggrabens. Eine Fanfare ertönt, dann ein Kommando: „Pipes and Drums – by the Centre – Quick March!“ Ein paar Trommelwirbel, und aus dem gedrungenen Tor marschiert die erste Reihe Dudelsackspieler auf die Esplanade, gefolgt von einer Gruppe Trommlern. Reihe auf Reihe entlässt das steinerne Burgmaul weitere Piper- und Drummergruppen, die sich zur ersten Massed Band formieren. Was für ein Anblick! Und was für Klänge – dass hier nur die Besten aus den verschiedenen Militärkapellen aufspielen dürfen, ist unüberhörbar. Die Massed Bands sind fester Bestandteil des Tattoos, ebenso wie der schottische Chor und die Highland Dancers. Und natürlich auch die Lightshow, die Edinburgh Castle in allen nur denkbaren Farben schimmern lässt. Andere Programmpunkte wechseln jährlich: Die verschiedensten Militärkapellen, aber auch zivile Showbands aus aller Welt treten auf. Blechbläser, Trommlerformationen, Swingbands. Das Spektrum reicht vom martialischen Männerballett bis zum jazzigen Groove – und auch ein paar spektakuläre Kunststücke der Truppe gehören dazu: Abseilen von der Burg, Abwehrkampf gegen „böse Jungs“ mit reichlich Geballer, Vorführung schweren Geräts. Es ist eben eine Militärparade …
Hauptsache bleibt aber die Musik. Nach und nach steigern sich die Darbietungen, bis es schließlich zum Finale furioso mit Beteiligung sämtlicher Akteure kommt. Jetzt passt nicht einmal mehr die sprichwörtliche Maus auf die Esplanade. Wir fühlen uns vom Zuhören und Zusehen wie berauscht – ein Gefühl, das wir offenbar mit dem gesamten Publikum teilen. Der Höhepunkt? Noch nicht. Was folgt, gehört zum Ritual jeden Edinburgh Tattoos: Die Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen, reichen ihren Nachbarn die vor der Brust überkreuzten Hände und singen gemeinsam „Auld Lang Syne,“ das berühmte Lied des schottischen Nationalpoeten Robert Burns. Der Höhepunkt? Noch nicht. Der unmittelbar anschließende Auftritt des Lone Pipers (ebenfalls fester Bestandteil des Tattoos) ist ein echter Gänsehaut-Moment. Ganz allein steht der Dudelsackspieler hoch oben auf der Burgzinne und lässt die Klänge seines Liedes ins Publikum schweben. Es sind eher leise Töne, ein Lied zum Gedenken – an wen auch immer. Pure Verzauberung …
Die Zugabe indes ist auch nicht zu verachten: Ein grandioses Feuerwerk über dem Castle. Und unter den Klängen von „Scotland The Brave“ zerstreut sich die Menge. Jetzt noch ein Bier in einem der Pubs auf der Royal Mile, die von der Burg hinunterführt. Denn die berüchtigte Sperrstunde in britischen Pubs wurde 2005 abgeschafft. Und dann: Zapfenstreich! Wer will (und rechtzeitig Tickets bestellt hat) kann sich zu Festival-Zeiten täglich(!) ein gutes Dutzend der unterschiedlichsten Aufführungen ansehen – von Vorstellungen der Royal Shakespeare Company bis hin zum kostenlosen Freiluft-Konzert. Nicht weniger reizvoll ist es aber, sich durch die Stadt treiben zu lassen und ihrer Geschichte, vor allem aber ihren Geschichten, nachzuspüren. Angefangen bei der Burg – diesmal bei Tageslicht. Ältester Teil der Anlage ist St. Margaret’s Chapel aus dem frühen 12. Jahrhundert – immer noch liebevoll geschmückt und hergerichtet. Dafür sorgt ehrenamtlich eine Gruppe von Frauen, die alle Margaret heißen und in Edinburgh geboren wurden.
Auf der Royal Mile geht’s dann langsam hügelabwärts durch die mittelalterliche Old Town mit ihren schmalen, hohen Häusern, den Lands, und den quer zur Straße verlaufenden engen Gassen, den Closes. Manche unheimliche Geschichte rankt sich um sie: Brodie’s Close zum Beispiel ist nach Deacon William Brodie benannt, bei Tag fleißiger Tischler, nachts skrupelloser Einbrecher und Raubmörder. Den Schriftsteller Robert Louis Stevenson inspirierte er zu seiner Erzählung „Dr. Jekyll und Mr. Hyde.“ Unheimlich auch die Geschichte von Mary King’s Close: Als 1645 dort die Pest ausbrach, wurde die Gasse kurzerhand vorübergehend zugemauert – Brutal-Quarantäne. Seither, heißt es, gehen dort Gespenster um. Manche Geschichten von Mord und Totschlag spielen in düsteren Gassen und schäbigen Pensionen der Stadt, andere in noblen Häusern. Der Holyrood Palace zum Beispiel war 1566 Schauplatz des Mordes an Maria Stuarts Vertrautem und Sekretär David Rizzio. Lord Darnley, zweiter Ehemann der schottischen Königin, hatte dabei seine Hand im Spiel und kam später unter dubiosen Umständen ebenfalls ums Leben …
Zum Glück sind nicht alle Geschichten so düster. Manche sind auch einfach rührend, wie diese aus dem 19. Jahrhundert: Bobby, ein Skye-Terrier, gehörte dem Polizisten John Gray. Als der starb und auf dem Friedhof von Greyfriar’s Kirk beerdigt wurde, bewachte Bobby 14 Jahre lang das Grab seines Herrn – ein ganzes Hundeleben. Natürlich bekam er seinen eigenen Grabstein auf dem Friedhof und ein Bronzedenkmal. Das steht jetzt vor Greyfriars Bobby’s Bar, einem gemütlichen Pub am Ende der Candlemaker’s Row und ist von vielen Händen schon ganz blank gestreichelt.
Wer Glück hat, findet in diesen Tagen einen Platz in The Elephant House, dem Café, in dem Joanne K. Rowling, inspiriert von der geschichts- und geschichtenträchtigen Stadt, ihren zauberhaften „Harry Potter“-Zyklus schrieb. Oder in der Oxford Bar, in der (historischen) New Town, wo Schottlands Krimi-König Ian Rankin seinen kantigen Kult-Inspektor Rebus so gern versacken ließ. Versacken wollen wir nicht. Lieber bummeln wir durch Princes Street Gardens und überlegen, welcher sportlichen Herausforderung wir uns stellen: Das Scott’s Memorial im Park hinaufsteigen und den Blick über Edinburgh genießen? Oder auf den Calton Hill? Oder sind wir ganz mutig und machen uns auf zum Arthur’s Seat, dem erloschenen Vulkan und der höchsten Erhebung der Stadt? Der Aufstieg ist mühsam, aber den Tapferen belohnt am Ende ein atemberaubender Blick weit ins Land hinein, über den Firth of Forth hinweg.
Am Ende entscheiden wir uns für etwas anderes: Wir folgen dem Water Walkway of Leith, einem romantischen Wanderweg am Flüsschen Leith entlang – und alles Gewimmel und Getümmel ist mit einem Mal ganz weit weg. Von irgendwo her hören wir Dudelsack-Musik, sehen aber nichts und niemanden. Ein Echo unserer Erinnerung an den Lone Piper? Wundern würde es uns nicht. Nicht in Edinburgh.
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Eintrittskarten für das diesjährige Military Tattoo, vom 6. bis 28. August sind bei Wolters Reisen zu haben. Sie kosten 51 Euro. Die Shows finden Mo.-Fr. jeweils um 21 Uhr statt. An Samstagen gibt es zwei Aufführungen, um 19.30 und um 22.30 Uhr (mit einem um 6 Euro erhöhten Eintrittspreis). Neben dem eigentlichen Event bietet Wolters diverse Sightseeing-Programme an: eine 2,5 Std. Panorama-Tour durch Edinburgh (29 €) bis hin zur Hochland-Tour inkl. Loch Ness (50 €).
Beste Reisezeit: Ganzjährig.
Klima: Ähnlich wie bei uns. Im Sommer milde Temperaturen um 20 °C. Die Winter sind kühl und regenreich, aber selten unter null Grad kalt. Das Wetter gilt allerdings das ganze Jahr über als eher unbeständig.
Zeitzone: MEZ minus 1 Stunde.
Sprache: Englisch und Lowland Scots, ein Dialekt. Eine kleine Minderheit spricht Schottisch-Gälisch.
Geld: Landeswährung ist das Pfund Sterling wie in Großbritannien.1 Euro = 0,91 GBP (Great Britain Pound), aber auch schott. Pfund.
Dokumente: Personalausweis genügt.
Gesundheit: Gesundheitsversorgung wird durch die Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC) geregelt.
Essen & Trinken: Haggis (u. a. mit Herz und Leber, Gewürzen und Hafermehl gefüllter Schafsmagen) mit neeps’n’tatties (Steckrüben und Kartoffeln). Das Äquivalent aus Fisch heißt Hugga-Muggie (im Fischmagen). Kidney Pie, Cook-a-leekie (kalte Lauchsuppe mit Trockenpflaumen), Scotts Eggs (panierte frittierte Eier). Kippers (geräucherte Heringe), Haddock (Schellfisch). Auch die Schotten essen gern ein Englisches Frühstück mit Bohnen und Würstchen.
Sehenswert: Edingburgh: Edinburgh Castle, Palace of Holyroodhouse (offizielle Residenz der Königin in Schottland), das schottische Parlament, Museum of Scottland, Calton Hill mit vielen Denkmälern und schönem Ausblick auf die Stadt. Nicht weit weg: Ein Ausflug in die Highlands von Perthshire lohnt sich, weiter nach Loch Ness und auf den Ben Navis, höchste Berg Großbritanniens. Sehenswert in Glasgow (nur 75 km entfernt): George Square- Platz im Herzen der Stadt, die Botanic Gardens, diverse Kunstgalerien.
Unbedingt machen: Bummeln Sie die Royal Mile entlang!
Unbedingt vermeiden: Mit dem Auto in die City von Edinburgh und Glasgow fahren, wenn Sie Ihr Geld nicht in teure Parkhäuser oder hohe Falschparker-Gebühren investieren wollen.
Beliebte Mitbringsel: Haggis, Shortbread, Whiskey. Tipp: Die älteste noch betriebene Destillerie gibt es in Glenturret.
Literatur: „Edinburgh mit Glasgow & Highlands“, Dumont direkt, mit großem Cityplan, 7,95 €.
Auskünfte: VisitBritain, Dorotheenstraße 54, 10117 Berlin. Tel.: 030/31 57 19-0. Offizielle Website der Stadt: http://international.visitscotland.com/de.
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