Reise-Reportage von Lisa Kluxen
Was für eine Stadt! Direkt am Meer gelegen, umgeben von Bergen. Tief verwurzelt in Tradition und Geschichte, zugleich hypermodern und hip. Eine Metropole, die kreative Menschen magisch anzieht.




Und da stehe ich nun etwas verloren mit meinem roten Trolley in irgendeiner Metro-Station.In der „Stadt zwischen Bergen und Meer“, wie es im Reiseprospekt hieß, in der Hauptstadt der Katalanen, der Olympiastadt von 1992. Barcelona. Und ich bin auf der Suche nach dem richtigen Ausgang. Oder, wenn man so will, nach dem Eingang. Wie in einem Ameisenhaufen wuseln die Menschen um mich herum. Man könnte meinen, ein bisschen vom Olympischen Geist sei hiergeblieben. Kaum öffnen sich die Metro-Türen, bekommt man den Eindruck von einem Massenstart beim Marathon. Ich folge den Massen auf die Straße. Und bin ab der ersten Sekunde verzaubert von dieser Stadt, von den Platanen, den wunderschönen Jugendstilhäusern.
Mein Hotel liegt im Stadtteil Eixample – strategisch äußerst günstig, um die Highlights der Stadt schnell zu erreichen. Und so mache ich mich gleich auf den Weg zu Barcelonas bekanntestem Bauwerk, zur Sagrada Familia. Ausgerüstet mit Stadtplan und dem wichtigsten Utensil für diesen Urlaub: ein paar bequeme Turnschuhe. Als ich gerade am Nachbarhaus vorbeikomme, grüßt mich Josep. Er ist dort Hausmeister und kümmert sich um alle Angelegenheiten, so zu sagen ein Concierge der alten Schule. Seinen Arbeitsplatz hat Josep in einem kleinen „Büro“ unter der Treppe. Wenn er mal unterwegs ist, sitzt dort seine Frau an ihrer Nähmaschine. Josep erzählt mir von der Geschichte des Viertels: L´Eixample ist eine echte Planstadt. Zunehmender Wohlstand durch die Industrialisierung im 19. Jh. ermöglichte es einigen Bürgern, der Enge der Altstadt – damals noch hinter einer Stadtmauer – zu entfliehen. Und so übertrafen sich die Wohlhabenden gegenseitig mit ihren opulenten Bauten. Die Folge: Heute zählt Barcelona weltweit zu den Städten mit den meisten Jugendstilhäusern. Josep ist stolz auf seine Stadt. Deshalb stimmte er auch im Dezember 2009 dafür, dass Katalonien unabhängig werden soll. Rechtlich hatte diese Abstimmung zwar keinerlei Bedeutung, aber immerhin sprachen sich 95 % der Katalanen für die Unabhängigkeit aus. Katalanen haben ein äußerst ausgeprägtes Nationalbewusstsein. Ihren Kindern geben sie zunehmend typisch katalanische Namen wie Josep, Jordi, Joan, Xavi, Arantxa, Eulalia oder Montserrat. Wenn sie unter sich sind, sprechen sie ausschließlich katalanisch. Und viele reden auch mit Nicht-Katalonen kategorisch „català“. Ob die das nun verstehen oder nicht. So viel zum Stichwort Barcelona, „Hauptstadt von Katalonien“.
Nur einige Blocks entfernt erheben sich die Türme der Sagrada Familia in die Höhe. 1882 wurde mit dem Bau der Kirche begonnen. Nach Entwürfen des – Sie ahnen es bereits – selbstredend katalanischen Architekten Antonio Gaudí. Bis heute sind die Arbeiten nicht vollendet. Gaudí setzte auf natürliche Elemente, und so wirkt die Fassade wie aus feuchtem Sand aufgehäuft, reich detailliert mit Ornamenten und Szenen aus Jesus‘ Lebensweg. Mit seinem Stil prägte Gaudí maßgeblich die Modernisme – die überladene, katalanische Stilrichtung des Jugendstils. Nach ausgiebiger Besichtigung gehe ich weiter zum nächsten Meisterwerk Gaudís, zur Casa Milà. Ich nehme wieder die Metro, steige aber schon eine Station früher aus. Und als ich die Treppe hinaufkomme, weiß ich gar nicht, wohin ich zuerst schauen soll –auf die unglaublich schönen, mit Ornamenten verzierten Bodenfliesen des Passaig de Gracia oder das große Schild im Schaufenster: „Rebajas“ – Schnäppchen! Aber nein, ich bleibe stark. Erst die „Arbeit“, dann das Vergnügen. Von den Spöttern seiner Zeit erhielt die Casa Milà den Spitznamen „La Pedrera“ – Steinbruch. Wohl wegen seiner unregelmäßigen und massigen Fassade. Egal, auch dieses Gebäude ist ein Meisterwerk der Modernisme. Und nur einen Steinwurf entfernt steht das nächste: Gaudís Casa Batlló, das dem Heiligen Georg, dem Drachentöter, gewidmet ist.
Nun bin ich aber erstmal am Zug. Auf Goldkurs im Power-Shopping. Barcelona ist schließlich eine Modestadt. Zur Zeit angesagte Designer: Armand Basi, Custo Barcelona und die Marke Desigual. Ihre Entwürfe sind wie ein Spiegelbild für die Stadt – ein mutiger, farbenfroher Mustermix. Den ich mir allerdings nicht leisten kann. Auf zum Passeig de Gracia, eine der beliebtesten Einkaufsmeilen der Stadt. Mit ebenso vollen Straßen wie Geschäften. Es ist anstrengend, aber beim Ramschtisch-Rangeln setze ich mich gegen die Konkurrenz durch, ergattere Edelmetall – in Form von schicken goldenen Riemchen-Sandalen. Zufrieden schlendere ich durch das Barrí Gotic, das Gotische Viertel und fühle mich in eine andere Zeit versetzt. Jenseits von Stress und Hektik. Es gibt sehr schöne Antiquitätenläden, kleine Boutiquen und Patisserien. In einem Supermercat, der bei uns in Deutschland unter der Bezeichnung „Tante Emma-Laden“ laufen würde, mache ich einen Zwischenstopp, um mir schnell eine Flasche Wasser zu kaufen. Der Laden ist leer und ich freue mich, dass vor mir nur eine Dame an der Kasse steht. Die Kassiererin freut sich offenbar auch, die Dame zu sehen. Und während die Schlange hinter mir stetig wächst, tauschen die Damen in aller Ruhe den aktuellsten Klatsch aus. Da hilft es auch nicht, passend abgezähltes Geld anzubieten. Sofort wird man mit einem energischen „un momentito“ (ein Momentchen) zurück in die Schlange verwiesen. Hier ticken die Uhr einfach langsamer.
Um das Programm „Highlights der Modernisme“ abzurunden, muss ich natürlich in den Parc Güell, den ebenfalls Gaudí konzipiert hat. Von 60 geplanten Häusern, die in der „Gartenstadt“ entstehen sollten, wurden jedoch nur drei Gebäude fertiggestellt. Eines gehörte dem Meister selbst und beherbergt heute das Gaudí-Museum. Die bekannte Mosaik-Echse „El drac“ ist hier an der Eingangstreppe zu finden. Nachdem ich Barcelona nun als Metropole der Modernisme und der Mode kennengelernt habe, mache ich mich am nächsten Tag auf die Spurensuche nach Bergen und Meer. Vom Hafen ist es mit der Seilbahn nur einen Katzensprung in die Berge bzw. zum Montjuic, einem der beiden Hausberge Barcelonas. Die Seilbahn startet am Torre Sant Sebastià im Port Vell und bietet einen tollen Blick über Stadt und Strand. Auf dem Montjuic findet man neben dem Olympiagelände noch das Miró-Museum und das Nationale Kunstmuseum, Museu Nacional d’Art de Catalunya. Und auch sonst lädt der Park zu einem Spaziergang ein. Als ich mich am Abend auf den Weg zur Metro-Station Plaza d‘España am Fuße des Montjuic mache, stehe ich erneut mit offenem Mund vor einer Attraktion. Bei Dunkelheit wird der Brunnen Font Magica in bunten Farben beleuchtet. Ein tolles Ambiente vor der Kulisse des Palau Nacional.
Zum Abendessen setze ich mich in ein Chiringuito, eine Bar am Strand. Bei Tapas und Wein komme ich mir vor wie in einem Beach-Urlaub – inmitten einer hektischen 1,6 Millionen-Metropole. Ein seltsames Gefühl. In den nächsten Tagen müssen meine Sportschuhe wieder ihre Belastbarkeit unter Beweis stellen. Ich besichtige das Viertel Gracia, die Basilica Santa Maria del Mar, erkunde noch einige Seitenstraße mit kleinen Boutique und stehe diverse Male staunend-begeistert vor grandiosen Jugendstilgebäuden wie dem Palau de la Música Catalana und dem Hospital de St. Pau.
Nach diesem umfangreichen Sightseeing-Programm haben Schuhe und Füße einen Tag Ruhe verdient – also ist Relaxen am Strand angesagt. Mit der Metro geht es zur Station Barceloneta, dann die Promenade Moll de la Fusta entlang. Auch hier ein Getümmel wie in einem Ameisenhaufen. Mit etwas Glück finde ich eine freie Stelle am Strand, die gerade breit genug ist für mein Handtuch. Und so komme ich recht schnell mit meinen Nachbarn ins Gespräch, einer bunten Truppe aus Katalanen, italienischen, französischen sowie belgischen Studenten, die dank Socrates-Stipendium, den Sommer hier an der Uni verleben dürfen. Und schon bald laden sie mich ein, das Barceloner Nachtleben kennen zu lernen. „Eigentlich wollte ich morgen fit sein. Es gibt so viel zu sehen …“, entgegene ich. Zugegeben – ein halbherziger Versuch. „Solo una copita“, sagen die Studenten. Und ich bin schon überredet. „Na gut, ein Gläschen.“
Wir verabreden uns an der Rambla. Die kleinen Stände, die über die Mittagsstunden schließen, haben wieder geöffnet. Es herrscht reges Treiben. Verkauft werden Blumen, Zeitschriften, Vögel und Souvenirs. Und natürlich sind auch die Straßenkünstler da. Aber wer den Touristen hier einen Euro abgewinnen will, muss sich was Besonderes einfallen lassen. Und so verharren goldene „Statuen“ wie eingefroren in ihrer Position. Junge Frauen in aufwändigen Rokoko-Kostümen grüßen freundlich. Sehr originell finde ich einen Dracula, der einen Sarg mitgebracht hat und für einige Cent den Deckel öffnet und hervorspringt. Wir biegen von der Rambla rechts in das berüchtigte Viertel El Raval ab. Am Straßenrand stehen Transvestiten und bieten ihre Dienste an. Die Studenten führen mich durch ein Gewirr von schmuddeligen Gassen. Ich versuche mir Anhaltspunkte für den Rückweg – ich wollte ja nur auf ein Gläschen mitkommen – zu merken: Fahrrad auf dem Balkon im 1. Stock: links; Grafitti: rechts; ausgebrannte Mülltonne links. Wir landen in einem Pub, der sich genau so auch in jeder englischen Stadt befinden könnte. Bestellt wird Absinth für alle. Nach einem halben Glas der Grünen Fee sind meine Sorgen über den Rückweg hinfällig, und wir machen uns auf zum dem berühmten Ballsaal „La Paloma“. Auf dem Parkett drehen noch einige Paare jenseits der 60 ihre Runden zu Orchestermusik. Bis gegen Mitternacht die Kapelle ihre Instrumente einpackt und Platz macht für das junge Publikum. Der Begriff „Nachtleben“ ist in Kataloniens Metropole durchaus angebracht. Vor 2 Uhr passiert nicht viel. Aber ab dann wird bis in die Morgenstunden gefeiert. In diesem Punkt kann Barcelona mit New York als „Stadt, die niemals schläft“ locker mithalten.
Gegen Mittag mache ich mich auf den Weg in den Park Ciutadella, wo ich meine Begleiter der vergangenen Nacht wiedertreffe. Sehenswert im Park ist der riesige Brunnen. Und Sie erraten bestimmt, wer an seinem Bau beteiligt war … Im Park tummeln sich viele junge Leute, Hippies wäre wohl ein treffenderer Ausdruck. Es herrscht eine entspannte Heiterkeit. Gegenüber dem Park, der auch den Zoo beherbergt, liegt das Szene-Viertel El Born. Wir setzen uns für einen Cortado (Espresso) in ein hippes Café und ich frage die Katalanen in der Runde, wie sie ihre Stadt sehen. „Die Stadt der Kreativen!“ sagt Maribel. Miró wurde hier geboren, Picasso lebte hier. Sogar der berühmteste Dauerlutscher wurde in Barcelona erfunden: Chupa Chup. Es sei die „Stadt der Hausbesetzer“ scherzt ihr Freund Jordi. Aber womit er nicht ganz unrecht hat. Aufgrund der hohen Mietpreise wird schon gern mal das eine oder andere Haus besetzt. 200 sollen es zur Zeit sein. Ich sage, dass mir besonders die unterschiedlichen Gesichter der Stadt aufgefallen sind. Und kopfnickend stimmen sie mir zu: Ja, Barcelona sei eine Stadt der Gegensätze. Nirgendwo harmonieren Kontraste so schön wie hier: Altes und Neues, Schönes und Hässliches, Hektik und Muße, Ernsthaftigkeit und Spaß. „Seny i rauxa“ nennen das die Katalanen. Ein perfekter Dualismus.
In Hamburg sagt man „tschüss“, in Barcelona „adeu“. Mein Rückflug naht. Ganz früh morgens verlasse ich mit meinem roten Trolley das Hotel. Die Berge liegen noch verschlafen im Dunkeln, während sich die Sonne rot über dem Meer erhebt. Ein wunderbarer Moment in der Stadt zwischen Bergen und Meer.
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„Barcelo Raval“. Das neu erbaute 4 Sterne-Hotel liegt im Zentrum der Altstadt – im Stadtviertel El Raval, dem absoluten In-Spot von Barcelona. Die Ramblas sind in wenigen Gehminuten erreichbar. Die 186 Zimmer der Deluxe-Kategorie sind 25 qm groß, entsprechen höchsten Komfortansprüchen: Sat-TV, Klimaanlage, Kaffeemaschine, Minibar, WLAN und I-Pod-Station. Im „Barcelo Raval“ sind alle Zimmer individuell gestaltet. Zur Ausstattung des Hauses zählen eine Terrasse mit Außenpool, Fitnessraum, Cocktailbar und ein Tapas-Restaurant der Spitzenklasse. Preis: Thomas Cook Reisen bietet Ü/F ab 58 € pro Person im Doppelzimmer an.
Beste Reisezeit: Ganzjährig. Die besten Monate für einen Barcelona- Besuch sind April und Mai sowie September und Oktober. Im Sommer ist es heiß und überall voll.
Klima: Mediterran, feucht.
Zeitzone: MEZ plus 1 Std.
Sprache: Spanisch und Katalanisch. Englisch wird in den meisten Geschäften und Hotels verstanden.
Geld: Euro.
Dokumente: Personalausweis.
Gesundheit: Die Gesundheitsversorgung wird durch die Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC) geregelt.
Essen & Trinken: Typisch für die katalonische Küche ist die Verknüpfung von Meer und Land (mar i muntanya), z. B. Hühnchen mit Hummer. Nationalgerichte sind Fideuà (wie Paella, aber mit Nudeln), Arroz Negre (schwarzer Reis), Botifarra (Bratwurst) und Stockfisch (Bacalao). Dazu wird Allioli (Knoblauchmayonnaise) und Pa amb tomàquet (Brot mit eingeriebener Tomate) gereicht. Das wohl bekannteste Dessert: Crema Catalana. Getränke: Horchata de Chufa (Mandelmilch), hervorragende Cavas und Kräuterliköre (Ratafia).
Restaurants: Ein tolles urprüngliches Ambiente bietet die „Xampaneria Can Paixano“, Carrer de la Reina Cristina 7, im Hafenviertel. Es gibt Bocadillos (belegte Brote), Tapas und Degustation von Cavas aus eigener Herstellung. Geöffnet: Mo.–Sa., 9–22.30 Uhr. Schwer angesagt sind so genannte Dine & Dance- Clubs. Zuerst gibt es ein Dinner, später am Abend wandelt sich die Location dann in eine Disco, wie beispielsweise der „Sugarclub“ im World Trade Center.
Sehenswert: Bekannte Bauwerke von Gaudí sind die Sagrada Familia, Casa Milà, Casa Battló und der Parc Güell. Außerdem sehenswert die Kathedrale Santa Creu i Santa Eulália im Gotischen Viertel. Wenn man der Rambla zum Hafen folgt, kommt man an der schönen Markthalle des Mercat der Boqueria (rechter Hand) und an der Placa Reial (linker Hand) vorbei. Eindrucksvolle Jugendstilbauten: Palau de la Música Catalana, Hospital de Sant Pau. Parks: Cuitadella, Montjuic. Museen: Fundació Joan Miró, Museu Picasso, Museu d’Art de Catalunya. Der 512 m hohe Tibidabo bietet nicht nur einen tollen Blick auf die Stadt, sondern auch einen Fernsehturm, die Kirche Sagrat Cor und einen Freizeitpark.
Unbedingt machen: Barcelona zu Fuß erkunden. Bummeln Sie durch die kleinen Geschäfte in den Gassen des Bario Gotico, genießen Sie den atemberaubenden Ausblick auf die Stadt bei einem Spaziergang am Montjuic und schlendern Sie am Abend die Rambla entlang.
Unbedingt vermeiden: Den Taschendieben das Handwerk allzu leicht machen. Verstauen Sie Wertsachen nahe am Körper und führen Sie nur so viel Geld wie nötig mit sich.
Beliebte Mitbringsel: Bunt bedruckte Kleidung von Custo Barcelona oder Desigual.
Literatur: ADAC Reiseführer „Barcelona“, 9,95 €.
Auskünfte: Offizielle Website der Stadt (englisch): http://www.bcn.es/turisme/english/turisme/welcome.htm.
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