Reise-Reportage von Daniela Kebel
Das Kapitol der Vereinigten Arabischen Emirate will aus dem Schatten der kleinen Schwester Dubai und überrascht mit gigantischen Bauprojekten: Luxushotels, Guggenheim-Museum und Louvre-Filiale.




Dubai war gestern, Abu Dhabi ist morgen. So könnte der Slogan lauten, der über dem Emirat schwebt. Vor allem über der gleichnamigen Hauptstadt. Denn die große Schwester Abu Dhabi will nicht länger hinter der kleinen Schwester Dubai zurückstehen, sondern sich selbst als boomende Metropole präsentieren. Und das gelingt Abu Dhabi zusehends. War das Kapitol der sieben Vereinigten Arabischen Emirate vor wenigen Jahren noch im Tiefschlaf, wird jetzt aufgerüstet: Höher, glänzen-der, schneller – wahnsinniger. Die neuen Projekte, nämlich die Wüsteninseln vor der Küste der Hauptstadt zu erschließen und zu bebauen, sind beeindruckend. Grenzen scheint es nicht zu geben bei dem Vorhaben, die edlen Shopping-Malls, The Palm, The World und die Skihalle des kleinen Nachbarn zu übertrumpfen. Der Tourismus soll nach Abu Dhabi geholt werden, die Konkurrenz Dubais hat das Emirat offenbar beflügelt.
Es ist früher Morgen. Dunst liegt in der Luft. Hitze steigt auf. Die Skyline Abu Dhabis glänzt wie hinter einem Schleier. Bläulich glitzern verspiegelte Wolkenkratzer, überdimensionale Kugeln, Quader und Scheiben ragen von den flachen Dächern der Hochhäuser auf. Marken- und Erkennungszeichen der Banken und Firmen, die sich gegenseitig architektonisch zu übertrumpfen versuchen. Aus der Ferne scheint die Szene beinahe unwirklich. Wie Spielzeuggebäude auf einem großen Monopoly-Feld repräsentieren sie Macht und Reichtum. Hier liegt das Geld buchstäblich auf den sauber gefegten Straßen – oder es fährt direkt darauf: Nobelkarossen und Stretchlimousinen bestimmen das tägliche Bild. Am Steuer der Porsche-, Mercedes- und BMW-Geländewagen sitzen Emirati hinter abgedunkelten Scheiben, tragen ihre weiße, traditionelle Kleidung, mit Kopfbedeckung und Kufiya, dazu eine verspiegelte Sonnenbrille. Am Handgelenk funkelt eine Rolex. Und fast jeder telefoniert während der Fahrt mit dem Handy. Niemand geht zu Fuß, denn Benzin kostet ja fast nichts. Stundenlang verstopft der Berufsverkehr jeden Tag die mehrspurigen Straßen in der Hauptstadt, doch das scheint niemanden zu stören. Nur die Taxifahrer hupen. Alle anderen schleichen im Stop-and-go-Tempo zur Arbeit oder nach Hause. Ein Wüstenvolk nimmt das gelassen: Was mit einem Kamel geht, muss auch mit dem Auto möglich sein. Wer Allradantrieb hat, fährt auf den Strecken außerhalb der Geschäftsviertel einfach neben der asphaltierten Straße. Rechts und links der Strecke ist ja nichts als Wüste: flache, endlose Landschaft aus beigefarbenem Sand. So werden aus drei Spuren schnell fünf. Zumindest bis zur nächsten Kreuzung, an der sich alle wieder irgendwo einfädeln müssen und erneut einen Stau verursachen.
Die Wüste ist jedoch nicht nur zum Fahren da. Abu Dhabi wächst in sie hinein. Wohin auch sonst. Die Metropole, auf Sand gebaut, dehnt sich immer weiter aus. Ins Umland und ins Wasser. Wüstengebiete werden rund um die Uhr bewässert und mit Gras bepflanzt – für die schönere Optik und um Grünflächen zu schaffen. Tag und Nacht fließt das kostbarste Gut, das eine Wüstenstadt besitzen kann, aus Schläuchen und Sprinkleranlagen in den kargen, trockenen Boden. Berge werden ebenso bewässert wie der Straßenrand – von innerstädtischen Gärten, Palmenalleen und Grünanlagen ganz zu schweigen. Und im Hotel findet jeder Gast am Abend ein kleines Hinweisschildchen auf seinem frisch bezogenen Bett: Um Wasser zu sparen die Handtücher bitte nur dann auf den Boden legen, wenn sie auch wirklich ausgetauscht werden sollen.
Das Emirat wächst auch ins Meer. Gigantische Bauprojekte, deren Überschrift „No limits“ lauten könnte, sind vor der Küste Abu Dhabis auf den kleinen, vorgelagerten Inseln in vollem Gange. Überall wirbelt Staub durch die Luft. Das Atmen fällt schwer. Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit drücken zusätzlich auf die Lungen. Die Arbeiter tragen Kopftücher, darüber ihren Schutzhelm, einen breiten Schal als Atemschutz und eine große Sonnenbrille. Die Sonne knallt vom Himmel und erhitzt den sandigen Boden wie eine Herdplatte. In ihren blauen Arbeitshosen und den schweren Schuhen bewegen sich die Männer langsam, suchen immer häufiger den spärlichen Schatten hinter Betonmischern und Baggern oder abgestelltem Baumaterial auf. Die körperliche Arbeit ist schwer, die Arbeiter schleppen riesige Betonplatten, Steine und Rohre. Fotografieren ist hier strengstens verboten, denn die Massen sandigen Grunds, die bewegt werden, die Leitungen, Stahlträger und Gebäudeteile, die überall herumliegen, die Schotterpisten, die als Behelfstransportwege angelegt worden sind – all das ist streng geheim. Hier auf Yas Island, der ersten größeren Wüsteninsel vor Abu Dhabi, entsteht etwas ganz Neues.
Ein kleiner Teil davon ist die Formel 1-Strecke auf dem 2.500 Hektar großen Eiland. 50.000 Zuschauer konnten hier beim ersten Etihad Airways Abu Dhabi Grand Prix am 1. November 2009 von den Tribünen aus verfolgen, wie die Motoren heulten und die Fahrer auf dem 5,55 Kilometer langen Rundkurs alles aus ihren Rennwagen herausholten. Damit beendete eine Premiere die vergangene Rennsaison, denn erstmals gingen Ferrari und die Silberpfeile in diesem Emirat an den Start. Der Parcours wurde eigens für den Einstieg in den Rennzirkus gebaut und trägt natürlich den Namen der Airline des Emirats. Getestet und für schnell befunden: der Hochgeschwindigkeitsabschnitt, auf dem 317 Stundenkilometer möglich sind. Die Formel 1-Strecke führt außerdem am neu gebauten Yachthafen entlang sowie durch das Zentrum der Insel. Ein besonderer Clou: Die Rennen starten im Hellen, eine Stunde später wird es dunkel. Der Nachthimmel schafft Atmosphäre fürs Publikum. Die Beleuchtung auf der Strecke ist jedoch so konzipiert, dass die Piloten keinerlei Veränderungen der Lichtverhältnisse gegenüber dem Tageslicht bemerken. Pünktlich zum Grand Prix haben auch alle sieben Hotels, die nebeneinander die Küste säumen, eröffnet. Ein echter Hin- und Rausgucker ist „The Yas Hotel“. Die Rennstrecke führt zum Teil durch die Hotelanlage. Beste Plätze garantiert ein gläserner Gang oberhalb der Straße. Das Panorama-Schauen ist künftig häufiger möglich, denn neben der Formel 1 sollen hier weitere Rennen stattfinden. Selbstredend unter dem Motto: „No limits!“
Aus den Inseln, die bisher als ungenutzte Sandhaufen vor der Küste lagen, entstehen nach und nach touristisch attraktive Ziele. Beispielsweise ein künstlicher Hafen und der Ferrari Themenpark, der alle Disney-Parks in den Schatten stellen will. Schon beim Landeanflug auf Abu Dhabi ist das knallrote Dach mit dem Wappen der italienischen Automarke gut zu sehen. Eine Achterbahn wird davor stehen. Und natürlich soll sie die schnellste der Welt sein. Doch anders als in Dubai, das den Anschein erweckt, Gebäude von heute auf morgen zu errichten, lässt man sich in Abu Dhabi mehr Zeit. Der 200.000 Quadratmeter große Park eröffnet erst in diesem Jahr, für andere Projekte ist eine noch längere, mehrjährige Bauphase eingeplant. Gearbeitet wird dennoch rund um die Uhr. Baustellen sind nachts wie Fußballstadien mit Flutlicht angestrahlt. Das Hämmern und Sägen hallt durch die Nacht. Wer Pause oder Schichtende hat, schläft einfach auf der Baustelle – wo gerade nicht gearbeitet wird. Natürlich sind das nicht die Einheimischen, die geborenen Emirati. Sie bekleiden in der Regel nur höher gestellte Positionen. Die billigen Arbeitskräfte kommen meist aus Pakistan, können sich hier kaum eine kleine Mietwohnung leisten.
Neben der Vergnügungsindustrie hat auch die Kultur ihren Platz in den neuen Bauprojekten. Eine Brücke wird demnächst das Festland von Abu Dhabi nicht nur mit Yas Island, sondern auch mit den dahinter liegenden Inseln verbinden. Im Mittelpunkt steht dann vor allem Saadiyat Island, das zum kulturellen Zentrum Abu Dhabis werden soll. Neben Hafen, Strand und Hotels entsteht ein Kulturdistrikt mit Nationalmuseum. Doch damit nicht genug: Abu Dhabi bekommt seinen eigenen Louvre, sein Guggenheim-Museum und einen futuristischen, 62 Meter hohen Bau für das Performing Arts Center. Dessen gläserne Außenwand steht im Wasser, so dass Besucher einen unverstellten Blick ins Meer bekommen. Ab 2012 eröffnen die Museen nacheinander. Bei all dem Bauwahn scheint sich auch ein reiches Emirat wie Abu Dhabi auf die Endlichkeit seiner Ressourcen und auf den Naturschutz zu besinnen. Alle Inseln sollen Orte der Erholung sein und die weitläufigen Mangrovenwälder nicht angetastet werden. Vor allem wegen der Tiere, die dort bisher ungestört leben durften. Aber natürlich auch, weil Golfer vor der Kulisse eines Naturreservats halt viel schöner abschlagen können.
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„Emirates Palace“. Das 6 Sterne-Haus der Kempinski-Gruppe liegt am westlichen Ende der Corniche, an einem 1,3 km langen Privatstrand. Dank seiner majestätischen Architektur und 114 vergoldeten Kuppeln gleicht das Hotel einem Palast. Es verfügt über zwei wunderschöne Pool-Anlagen eingebettet in tropische Gärten und eine ausgezeichnete Gastronomie. Die kleinsten Hotelzimmer sind 55 qm groß. Preis: Meier‘s Weltreisen bietet 7 x ÜF inklusive Flug ab 1.699 € p. P. im DZ an.
Beste Reisezeit: November bis April.Danach wird es heiß, sehr heiß.
Klima: Subtropisch und trocken. Die Temperaturen im kühlsten Monat Januar liegen um die 18 °C. Mai bis Oktober sind fast niederschlagfrei.
Zeitzone: MEZ plus 3 Std.
Sprache: Amtssprache ist Arabisch. Es wird allerdings auch viel Englisch gesprochen. Straßennamen gibt es z. T. in Arabisch und Englisch.
Geld: Dirhan (AED). 1 Euro = 5,06 AED.
Dokumente: Für die Einreise genügt ein Reisepass, der noch mindestens sechs Monate gültig ist. Ein Visum ist nicht erforderlich, aber ein Rückflugticket muss vorgezeigt werden.
Gesundheit: Es empfiehlt sich eine Auslandskrankenversicherung. Der Notdienst ist gratis und für Einheimische wie Touristen unter der Rufnummer 999 rund um die Uhr zu erreichen. Das Sheikh Khalifa Medical City bietet modernste Technik und West-Standard.
Essen & Trinken: Besonders lecker sind Kabsa (Hähnchenfleisch auf Reis), Kebab, Kofta (Hackröllchen) oder Shish Tawook (in Joghurt marinierte Hühnerspieße) und Fattoush (arabischer Gemüsesalat). Tee und Kaffee werden manchmal mit Gewürzen wie Safran, Kardamom oder Minze verfeinert. Und es gibt Kamelmilch! An der Corniche finden Sie zahlreiche Restaurants von traditionell bis international.
Sehenswert: Die Corniche; Heritage Village-Ausstellung über die Lebensweise der Beduinen; das „Weiße Fort“ Al Maqtaa Fort, bis 1966 Sitz einer Herrscherfamilie; die Sheikh-Zayed-bin-Sultan-Al-Nahyan Moschee.
Unbedingt machen: Sonnenuntergang auf einem Schiff erleben.
Unbedingt vermeiden: In der Öffentlichkeit Alkohol trinken, freizügige Kleidung tragen.
Beliebte Mitbringsel: Teppiche, Beduinenschmuck aus Silber, Goldschmuck von 18 bis 24 Karat.
Literatur: „Reise-Taschenbuch Abu Dhabi“, DuMont, 12 €.
Auskünfte: Abu Dhabi Tourism Authority, Goethestr. 27, 60313 Frankfurt, Tel.: 069/299 25 39 20, http://www.abudhabitourism.ae.
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